Ein Dorf mit Vergangenheit ...

Lieber Leser,

an dieser Stelle finden Sie Berichte und Erzählungen vor, die von Herrn Gerhard Hoischen, Lehrer über viele Jahre hinweg aufgeschrieben und aus Überlieferungen und Urkunden zusammengestellt worden sind. Anschließend wurden sie von Herrn Alfons Räker dankenswerterweise weitergeführt und von mir ergänzt.

Ich fürchte, dass die Zukunft noch mehr die gute alte Zeit vergisst, und dass sowohl die
alte wie die neuere an Traditionen und Belegen reiche Geschichte meiner Heimat
Friedhardtskirchen in die Vergessenheit versinken wird, darum möchte ich in den
nachfolgenden Aufzeichnungen meiner Heimat ein Denkmal hinterlassen."

Gerhard Hoischen*

*Gerhard Hoischen war Lehrer an der alten Schule in Hellinghausen von 1883 – 1928. Er trat 1883 die Nachfolge
seines Vaters Heinrich Hoischen an,  der als Lehrer in Hellinghausen von 1839 – 1883 tätig war.  Die Schule befand sich neben dem heutigen Küsterhaus auf einer Fläche, die heute als Garten genutzt wird.

Hellinghausen – Geburtsstätte von Herringhausen und Overhagen
Die Ortschaft Hellinghausen war durch die neuen Siedlungen Herringhausen und Overhagen bis auf 16 Wohnhäuser zurück gegangen. Mit dem Neubau der Kirche in Hellinghausen 1782 entstand neben der alten Lateinschule des Pfarrers Giersch eine einklassige Halbtagsschule westlich der Kirche. Zeitweise wurden vom Lehrer Heinr. Hoischen (1839 - 1884) in einem Raum etwa 130 Kinder unterrichtet. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Gerhard Hoischen bis 1928. Die Kinder aus Overhagen benutzten den so genannten Holzpatt als Schulweg, die Kinder aus Herringhausen die Allee nach Hellinghausen. Im Jahre 1877 wurde für Overhagen eine eigene Schule eingerichtet. Lehrer wurde der Sohn des Heinrich Hoischen, Fritz Hoischen.  Er blieb bis 1900. In Herringhausen entstand 1930 eine neue Schule für die Kinder aus Hellinghausen und Herringhausen. Damit ging gleichzeitig eine alte Lehrertradition in Hellinghausen zu Ende, denn die Familie Hoischen zog nach Cappel und später nach Lippstadt. Etwa l00 Jahre versah sie in drei Generationen die Ämter eines Lehrers, Küsters und Organisten. Die alte Schule in Hellinghausen verlor ihre Bedeutung, sie wurde für kirchliche Zwecke genutzt und diente später als Wohnhaus für Ostvertriebene.

Die Pfarrkirche blieb Zentrum für die 3 Gemeinden. Da besonders an Festtagen die Plätze in der Kirche nicht mehr ausreichten, beschloss man, den barocken Hochaltar weiter in die Apsis zurückzusetzen, um Platz für Kinderbänke auf dem Chor zu gewinnen. Doch die Höhe der Altaraufbauten ließ ein Versetzen bis an die Rückwand nicht zu, so wurde der alte und künstlerisch wertvolle Altar nach Stukenbrock verkauft und ein romanischer Altar in die Apsis gesetzt. Die Barockfenster wurden durch kunstlose romanische Fenster ersetzt und der Kirche dadurch ihren barocken Charakter genommen. Damit war der Platz für die Sakristei, die vorher hinter dem Hochaltar lag, verloren, man beschloss, einen Anbau an der Ostseite der Kirche zu errichten (1898) (Im Jahre 1897 stürzte bei einem Gewittersturm die Kugel und der Hahn vom Kirchturm und wurde erneuert.)

Overhagen erhält eine eigene Kirche

In Overhagen begann man vor dem ersten Weltkrieg mit einer Sammlung für den Bau einer eigenen Kirche. Die Bausumme betrug nach Aufzeichnungen von Pastor Böhme 9000,- RM (1911). In diesem Jahr wurde auch von Paderborn die Genehmigung für ein ewiges Licht in der Kapelle in Overhagen erteilt. Die Hellinghäuser Kirche erhielt einen neuen eisernen Kanonenofen, der im Winter die Kirche mehr einräucherte als heizte. Durch den 1.Weltkrieg ging nicht nur die angesparte Bausumme für die Kirche in Overhagen verloren sondern es wurden auch Orgelpfeifen und die Glocken aus der Hellinghäuser Kirche ausgebaut und für Kriegszwecke verschrottet. Die Glocken wurden 1920 wieder erneuert. 1923 begann man den Neubau der Kirche in Overhagen. Die Kirche in Hellinghausen wurde renoviert. Infolge der Inflation liefen die Kosten für diese Arbeiten der Kirchengemeinde davon. Nach der Chronik von Pastor Böhme stieg die Summe in Milliardenhöhe, so dass man für den glei- chen Preis den Petersdom in Rom hätte bauen können.

Spaltung des Schützenvereins

Während in Herringhausen und Hellinghausen die Einwohnerzahlen konstant blieben, wurde Overhagen weiter ausgebaut. So entstanden 1920 z. B. im Nahtfeld 6 neue Häuser von Reichsbahnbediensteten. Dies wirkte sich auch auf den Schützenverein aus: In den Mitgliederversammlungen hatte Overhagen bei Abstimmungen die Mehrheit. Im Jahre 1924 solle auf der Generalversammlung über einen Antrag abgestimmt werden, das Schützenfest nur noch alle 4 Jahre in Herringhausen und Hellinghausen zu feiern. In Overhagen sollte dafür alle 2 Jahre ein Schützenfest stattfinden. Beispiel: Overhagen - Herringhausen - Overhagen - Hellinghausen - Overhagen - ... Da die Schützen aus Herringhausen und Hellinghausen die Annahme dieses Antrages nicht verhindern konnten, traten sie geschlossen aus dem Verein aus, um einen eigenen Schützenverein zu gründen. Am 29.08.1924 berichtete der Patriot: Der Friedhardtskirchener Schützenverein, umfassend die Gemeinden Hellinghausen, Herringhausen und Overhagen, hat in seiner letzten Generalversammlung beschlossen, in diesem Jahr kein Schützenfest zu feiern. Am 30.08.1924 erschien folgende Berichtigung:

Herringhausen, 29. Aug. 1924
Klarstellung der Notiz unter Overhagen über das Friedhardtskirchener Schützenfest
Man schreibt uns: Der Schützenverein Friedhardtskirchen umfasste letzher das ganze Kirchspiel Hellinghausen, Herringhausen und Overhagen. Nachdem in der letzten Generalversammlung zu Overhagen die Erklärung abgegeben wurde, dass von der alten Gepflogenheit, das Schützenfest abwechselnd in den drei Dörfern zu feiern, Abstand genommen werden sollte und bei der Majorität der Mitglieder aus Overhagen mit der Annahme dieser Forderung gerechnet werden musste, war den Mitgliedern aus Herringhausen und Hellinghausen das Interesse am alten Verein genommen. Nach friedlicher und neidloser Scheidung vom alten Verein beschlossen die Dörfer Herringhausen und Hellinghausen, einen eigenen Schützenverein unter dem Titel "Schützenverein Friedhardtskirchen - Hellinghausen und Herringhausen" zu gründen. Das Gründungsfest dieses Vereins wird - siehe Inserat - am 31. August und 1. September in Herringhausen gefeiert und alles wetteifert, das Geburtsfest des neuen Vereins in besonders festlicher Weise zu begehen.
Im Patriot vom 02.09.1924 wurde über die Gründungsfeier wie folgt berichtet:

Herringhausen, 02. Sept. 1924
Nachklang von der Gründungsfeier unseres Schützenvereins
Wenn man von einer johlenden Kindtauffeier auf das Gedeihen des neugeborenen Sprösslings zu schließen pflegen kann, so sind unserem jungen Schützenverein die Lebensbedingungen in vollem Maße mitgegeben. Denn seine Geburtstagsfeier hat den glänzendsten Verlauf genommen. Ein solches Fest hat Herringhausen noch nicht erlebt, so viele frohe Gesichter in seinen Grenzen noch nicht zusammen gesehen. Herr Oberst Grote hob das junge Kind in seiner wohlgeformten, feierlichen Eröffnungsrede bei der Kirchenparade unter Bestellung aller Dorfbewohner als Gevattern desselben aus der Taufe und gab ihm "Freude und Friede" als die besten Genien mit auf seinen Lebensweg. Kaum auf dem Festplatz angekommen, rückten als geladene Kindtaufsgäste die Schützenvereine Böckum und Benninghausen in unerwartet großer Zahl mit eigenen Musikkapellen ein, und nun begann ein Festtrubel echter, dörflicher Art. - Am ersten Tage war der demokratische Charakter streng gewahrt, denn es fehlte der König: der zweite Tag sollte der Errichtung der neuen Schützenmonarchie gelten. Nach dem Festgottesdienst in der Pfarrkirche, nach schneidiger Schlossparade vor dem Herrn Baron von Schorlemer, wurde in sinnvoller Weise dieser bedeutungsvolle Tag durch eine patriotische Schulfeier aus Anlass der nachzuholenden Verfassungsfeier unter dem Festzelt eingeleitet. Die Darbietung eines gemischten Gesangchores, die Deklamation der Kinder, die von warmer Begeisterung für das liebe Vaterland gehaltene Festrede leiteten in wirkungsvoller Feier den erwartungsvollen Glanzakt des Festes, das Vogelschießen ein. Ein echter Wettkampf um die höchste Würde setzte ein: Herr Heinr. Piepenbreier sen., Herringhausen, holte die Krone herunter. Herr Kassenanwärter Fritz Dröge, Herringhausen, tat den Königschuss. Als echter Retter seines Reiches bestieg er nach voraufgegangener Einholung von Zepter und Reichsadler als Friederich der I. den Schützenthron und erkor sich Fräulein Ella Berkemeier, Herringhausen, zu seiner Königin. Von dem in diesem Jahre so grimmen Wettergott war kein anständiges Festwetter zu erbitten; durch einen geschickt gewählten Kompromiss gelang es unter Preisgabe der Zeltfreiheit als erweiterter Festplatz für sämtliche Märsche einen trockenen Himmel zu gewinnen: Unter den zuverlässigen Günninghauser Wanderzelten konnten wir den Launen des Wettergottes Trotz bieten, seine mächtigen Himmelsergüsse wurden innerhalb des Zeltes durch das köstliche Maß des Festwirtes kräftig erwidert. Die "Zeltfreiheit" war bald als Schlammbad für die Freiübungen schwankender Gestalten eingerichtet: nach Meldung des Bataillonsarztes Herrn Hesse sind indes keine Schwerkranke zu verzeichnen gewesen.

Im Jahre 1924 spaltete sich der Schützenverein der Pfarrei. Overhagen gründete einen eigenen Verein, Hellinghausen und Herringhausen ebenfalls einen eigenen Verein. Aus dem seit 1840 gegründeten Schützenverein "Friedhardtskirchen" der Pfarrgemeinde wurden 2 selbstständige Vereine, die jeweils ihr eigenes Schützenfest feierten. Einige Jahre früher (07.07.1907) bildete sich in der gesamten Pfarrei ein Kriegerverein. Die neue, dem hl Antonius geweihte Kirche in Overhagen, wurde am 22.12. 1925 eingeweiht.
1929 zog Pastor Monscheidt nach langem Hin und Her ins neue Pfarrhaus nach Overhagen. Damit verlor das alte Pfarrhaus in Hellinghausen seine Bedeutung. Die Verwaltung wurde verständlicherweise in das größere Dorf verlegt. In das Pfarrhaus in Hellinghausen zog ein pensionierter Geistlicher, der nur für die Messen in Hellinghausen zuständig war. Zwischen den beiden Geistlichen, die etwa gleichaltrig waren, gab es anfangs einige Schwierigkeiten, denn Pastor Droll, ein sehr agiler und noch sehr rüstiger alter Herr, der nur zwangsweise und zu seinem eigenen Schutz in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden war, (er in seiner Pfarrei Calle im Sauerland öffentlich gegen den Nationalsozialismus gepredigt) konnte sich nur schwer mit seinem Ruhestand abfinden. Er gründete, da er zugleich ein sehr guter Organist war, einen Kirchenchor und wurde ebenso aktiv in einer neuen Theatergruppe. Hauptamtliche Tätigkeiten eines Pastors durfte er nicht ausführen. Pastor Monscheidt war weiterhin hauptamtlich für die Pfarrkirche zuständig, Beerdigungen, Kinderkommunion usw. Für den sehr aktiven Pastor Droll blieben nur die üblichen Sonntags- und Werktagsmessen, was ihn verständlicherweise nicht ausfüllte. Pastor Droll verstarb 1946, ihm folgten bis 1957 in Hellinghausen Pater Trost, Pastor i.R. Limpert, Pastor i.R.. Scheifers und Pastor i.R. Sommer.

Bau der Schule in Herringhausen

1930 wurde die Schule in Herringhausen, das heutige Bürgerhaus, nach langem hin und her in der Standortfrage feierlich eingeweiht, damit war die Verbindung von Kirche und Schule unterbrochen. Es gab Pläne, wonach die Schule in Hellinghausen etwa am Eingang der Allee gebaut werden sollte, aber man kann es den Einwohnern von Herringhausen nicht verdenken, dass sie der Planungen, einer Schule in Herringhausen freudiger zustimmten. Im Jahre 1938 brannten die Stallungen und ein Teil des Gasthauses Scheer nieder. Die Gaststätte blieb jedoch im östlichen Teil mit Saal, der erhalten blieb, weitergeführt bis zum Neubau 1939.

Der 2.Weltkrieg

Der 2.Weltkrieg begann Herbst 1939 mit großen Einquartierungen und Manövern. Für den Frankreichfeldzug waren Truppenverbände bis in den hiesigen Raum zusammengezogen. Diese bestanden zum großen Teil aus motorisierten Einheiten, es gab aber auch noch Pferdebespannungen.  Die Soldaten aus dem Mittel- und Norddeutschen Raum waren zum Teil bei Privatleuten gegen Entgelt oder auch in Scheunen, Ställen und Heuböden untergebracht.  Mit dem Beginn des Feldzuges zogen die Soldaten ab. Der Krieg zeigte sein wahres Gesicht. Der Luftschutz wurde eingeführt die Böden mussten entrümpelt werden, sehr zum Ärger der Bauern, die dann ihre Ernte vom Dachboden in die unteren Räume verlagern sollten, was teilweise unmöglich war und nur mit halben Herzen durchführt wurde. Jedes beleuchtete Fenster musste verdunkelt werden, Fensterrollläden gab es nicht, wer keine Fensterrollläden hatte behalf sich mit dunklem Papier, Decken usw. Da es noch keine Straßenbeleuchtung gab, so herrschte bei dichter Bewölkung völlige Dunkelheit, die feindlichen Bomber fanden so keine Orientierungspunkte. Selbst Radfahrer mussten ihre Lampe mit einer Tuchmaske abdunkeln. Es blieb nur ein Lichtschlitz von etwa 15 mm Breite und 10 cm Länge, der nur spärlich Licht verbreitete, so dass sich manchmal Eisenbahner, die zur Nachtschicht nach Lippstadt fuhren, völlig verirrten (sie fanden sich dann plötzlich bei der Kirche an der Vikarie wieder). Die ersten Fliegerangriffe, die besonders dem Flughafen Lipperbruch galten, waren für die Beobachter zunächst sehr interessant. Das große Feuerwerk am Himmel lockte die Einwohner auf die Straßen. Die Flak mit ihren Suchscheinwerfern tasteten mit langen Lichtfahnen den Himmel ab, die Splitter der Flakgranaten wurden zunächst von den Kindern gesammelt, später aber trommelten sie aber immer dichter auf die Häuser, so dass man sich nicht mehr im Freien aufhalten konnte. In den Lippewiesen verendeten mehrere Tiere durch Granatsplitter, und die Bauern schimpfen immer häufiger beim Mähen über die am Boden liegenden Splitter verdorbenen Sensen.

In Hellinghausen wurde Franz Sauermann zum Luftschutzwart bestimmt. Er fuhr bei Fliegeralarm mit seinem Fahrrad durchs Dorf und blies auf einem Signalhorn. In verschiedenen Häusern richtete man Luftschutzräume ein, die dann bei Alarm von mehreren Wohngemeinschaften aufgesucht wurden. Jede Familie musste auf dem Dachboden einen Eimer mit Wasser und eine Handspritze bereithalten, ebenso gehörte zum Luftschutz eine Gasmaske und ein Feuerhaken in jedes Haus. Später mit Beginn der Tieffliegerangriffe auf die Eisenbahn legten sich mehrere Hausgemeinschaften Erdbunker an. Die Angriffe wurden häufiger zugleich auch heftiger, so dass die Leute manche Nacht in diesen feuchten modrigen Erdbunkern verbringen mussten.

Die Kinder der Herringhauser Schule wurden wegen der Nähe der Bahn auf mehrere in der Nähe der Schule liegende Erdbunker verteilt oder bezogen die Keller unter der Lehrerwohnung bei Fliegeralarm. Der Unterricht wurde nur noch notdürftig erteilt, außerdem standen die anfänglichen Siegesmeldungen stets im Vordergrund des schulischen Alltags. Im Sommer 1943 brannten durch "Brandbombenteppiche" die in großen Mengen abgeworfen wurden, das Einhoffsche Haus in Hellinghausen und die Häuser Linnebur, Preister und Schulte-Stroer in Herringhausen ab. Einhoffs Haus konnte mit den kleinen Handspritzpumpen zum Teil gelöscht werden, musste später aber neu aufgebaut werden. Viele Blindgänger bei den Stahlbrandbomben retteten manches Haus vor größeren Schaden, sie wurden zahlreich auf Heuboden gefunden und hätten bei richtiger Explosion manches Haus in Schutt und Asche gelegt. Diese Blindgänger wurden im Großen Holz und in den Merschwiesen gefunden und in einem großem Feuer verbrannt. Die Kinder kannten schnell den Zündmechanismus und spielten unter Lebensgefahr ohne nachzudenken damit. Es gab schon mal durch Funken ein Loch in der Kleidung, aber Schlimmeres blieb aus.
Im Jahre 1944 nahmen die Fliegerangriffe immer mehr zu, so dass ab Herbst tagsüber kaum noch ein Zug fahren konnte. Am Ende der Züge waren Flakwagen, besonders bei Militärzügen kam es dann zu längeren Abwehrgefechten. Die Tiefflieger beschossen zunächst die Lokomotive und dann den stehenden Zug.  Durch Tieffliegerbomben wurden in Herringhausen ein Haus und in Overhagen zwei Häuser völlig zerstört. Unter der Bevölkerung beklagte man 3 Tote. Die Schule in Herringhausen wurde wegen der Nähe der Bahn im Jahre 1944 geschlossen, der Unterricht fand dann in der alten Schule in Hellinghausen statt. Damit kam die alte Schule noch einmal zu Ehren. in der Nazizeit wurde der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen verboten.  1972 wurde sie mit der Pfarrei Hellinghausen abgerissen.
Am 1. Ostertag (01.04.1945) brach Pastor i.R. Droll das Hochamt in der Pfarrkirche ab, weil deutsche Truppen in der Nähe der Kirche Stellung bezogen hatten. Nachdem Lippstadt von alliierten Truppen besetzt worden war, kamen nämlich amerikanische Truppen nördlich der Lippe über Göttingen und Liesborn und gingen beim Nomenkenhof im Staken und am Böbbing in Stellung. Die deutschen Soldaten hatten in Pastors Wäldchen und hinter den angrenzenden Hecken Deckung gesucht, ihr Beobachter saß im Kirchturm. Ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug überflog dieses Gebiet. Ich sah wie ein junger deutscher Soldat sein Maschinengewehr auf einen Riegelpfosten aufbaute, um den Aufklärer zu beschießen. Ein besonnener Feldwebel kam hinzu und warf beide, Soldat und Maschinengewehr, mit einer Handbewegung in die Hecke mit der Bemerkung: "Meinst Du, ich will in den letzten Tagen noch den Heldentod sterben!" Die Vernunft dieses Mannes hat sicher unsere Pfarrkirche und einen großen Teil des Dorfes gerettet. Denn bei Schüssen auf den Aufklärer hätte die amerikanische Artillerie, die bei der Schule Suderlager lag, postwendend geantwortet und das Dorf und Kirche mit Artilleriefeuer eingedeckt. Das gleiche hätte schon 1944 Dorf und Kirche treffen können, denn im Herbst des Jahres wollte man auf dem Großen Mersch einen Behelfsflughafen bauen und hatte bereits Materialien Bretter und Steine angefahren. Doch das sonst so gefürchtete Hochwasser kam diesmal rechtzeitig und räumte alles weg. Der Flugplatz wäre mit Sicherheit von den Alliierten entdeckt und angegriffen und die Kirche mit ihren großen Fenstern in Mitleidenschaft gezogen worden.
In Hellinghausen kam es nicht zu Kampfhandlungen. In Herringhausen wurden drei Häuser im Hundenbusch durch Panzerbeschuss vernichtet und alle anderen beschädigt.  Die alte Frau Bergkemper kam hierbei zu Tode. Während des Beschusses nahm sich Frl. Else Hillemeyer (Fr. Stuckenschneider gest. 2001), die mit anderen in einem Erdbunker saß, den Mut und lief mit einer weißen Fahne den Panzern entgegen. Darauf stellten die Besatzungen das Feuer ein. In Overhagen vernichtete das Artilleriefeuer ein Haus völlig und beschädigte mehrere Häuser, dabei wurde ein Mann aus Overhagen getötet und drei deutsche Soldaten fielen. Sie ruhen als unbekannte Soldaten auf dem Friedhof in Hellinghausen.

Die Nachkriegszeit
Nach dem Abzug der Besatzungstruppen kamen sehr viele Ausländer (Kriegsgefangene und Fremdarbeiter) in unser Kirchspiel. Diese ausgehungerten Menschen aus dem Ruhrgebiet sollten noch aus dem Ruhrkessel herausgeführt werden, was durch die Besetzung Lippstadts nicht mehr möglich war. Die Bewacher hatten sie verlassen und sie waren hilflos auf sich selbst angewiesen. Überfälle und Plünderungen in den Dörfern und Gehöfen waren die Folge. In Hellinghausen konnten wir Überfälle und Plünderungen durch eine Art von Selbstschutz verhindern. Weil die Besatzungstruppen das Dorf zunächst nicht besetzten, bewaffneten sich die männlichen Einwohner mit Jagd- und Sportwaffen und konnten so vorläufig Plünderungen verhindern. So kam es auch nicht zu tätlichen Auseinandersetzungen, weil die Plünderer durch die Waffen eingeschüchtert wurden.
Nach einigen Tagen richteten die Amerikaner in der Gaststätte Scheer ein Lazarett ein. Die Familie musste in kurzer Zeit auf den Boden und in die Stallungen ziehen, das Wohnhaus mit Saal beanspruchten die Amerikaner. Durch die Bewachungstruppen für das Lazarett kehrte wieder Ruhe im Ort ein. Die Soldaten waren mehr oder weniger zur Erholung hier und gingen viel spazieren. Zu ihrem Schutz hatten sie ehemalige serbische Kriegsgefangene bewaffnet und diese sorgten für Ruhe. Nach einigen Wochen zogen die Amerikaner wieder ab, Familie Scheer konnte ihr Haus wieder beziehen und die Gaststätte eröffnen. Nach dem Abzug der Amerikaner begannen die Plünderungen von Neuem. Den Bauern wurde das Vieh auf den Weiden abgeschlachtet und selbst Einwohner auf den Weg nach Lippstadt überfallen und beraubt. Von Neuem bildete sich in eine Art Bürgerwehr und nachts ging man zum Schutz des Dorfes auf Streife. Die Wache bestand aus einem älterem Mann und einem jungen. Zur Kontrolle der Wachen wurde ein besonderes System ausgedacht. An den Dorfenden bei Sauermann, auf dem Junkernplatz, bei Poppenburg und an der Kirche wurde abends ein Stein auf einen Pfosten gelegt, den die Wachgänger jeweils hinunterwarfen oder neu auflegen mussten. Bei uns zu Hause, in der alten Vikarie, hatte man nachts den Hühnerstall ausgeraubt. Zur Sicherung gegen weitere Diebstähle hatten wir daraufhin einen Stolperdraht etwa in Kniehöhe um den Statt gespannt; das Ende des Drahtes bewegte bei Berührung im Innern des Hauses ein Brett, auf dem leere Blechdosen standen, die bei Berührung des Außendrahtes auf den Boden polterten und damit Alarm auslösten. Eines Nacht gab's Alarm.  Meine Eltern riefen aus den Fenstern laut um Hilfe. Was war Geschehen? Ganz kleinlaut kam unser Professor Dr. Dr. Fuchs aus Paderborn, der bei uns einquartiert war, von dem "Häuschen" und ergab sich mit den Worten: "Ich bin´s nur", zu erkennen. Das bewusste Häuschen stand innerhalb des Stolperdrahtes, von dem er nichts wusste. Später schickte man einige englische Soldaten in Quartiere ins Dorf - wir hatten zwei.  Und damit kehrte wieder Ruhe ein, so dass die Bevölkerung aufatmen konnte.
Pastor Droll konnte seinen französischen Juden freilassen, den er seit Sommer 1944 auf dem Boden des Pastorats unter Lebensgefahr versteckt gehalten hatte. In den Bahnhöfen wurden Waggons und außerdem Geschäfte und Lagerhallen in Lippstadt und Umgebung ausgeplündert. Die Verteilung der Grundnahrungsmittel gestaltete sich dadurch sehr schwierig. Es gab auch keine Kohlen mehr. In dieser Notlage kam uns das Holz, das seit Herbst '1944 zur Bau eines Flughafens auf dem Mersch lagerte, zu Gute. Dann mussten die Bewohner aus den zerbombten Städten und später die Ostvertriebenen und Flüchtlinge aus den Orten untergebracht werden. Die Eisenbahn nahm ihren Betrieb wieder auf, aber es fehlten Personenwagen. Also standen die Menschen auf Trittbrettern und Puffern und fuhren so aufs Land, um mit ihren oftmals letzten Kostbarkeiten ein paar Lebensmittel einzutauschen oder zu betteln. Waren im Kriege die ausgehungerten Menschen, die aber die Dörfer zogen, Polen oder Russen, so waren es jetzt nach Kriegsende deutsche Mitbürger.
Mit der Währungsreform, 1948, kehrten allmählich wieder geordnete Verhältnisse ein. Die Menschen fanden wieder gut bezahlte Arbeit und begannen ihr Leben und ihre Umwelt zu gestalten. Die Kirche bekam neue Glocken; Überreste der alten Glocken fand man zerbrochen auf einen Platz in Hamburg wieder.
1958 wurde die Kirche insgesamt renoviert und eine moderne Heizung eingebaut. Man fand unter den Fliesen im Mittelgang bei den ersten Bauten Grabsteine, die allerdings sehr verwittert waren. Bei der Renovierung ließ Pastor Thiemann den neuromanischen Hochaltar entfernen und setzte die Kreuzigungsgruppe die bis dahin an der Apsiswand hing, auf den Altartisch. Gleichzeitig wurden die beiden Seitenaltäre, die noch von dem ersten Hochaltar stammten, in einem Winkel von 45o zur Wand gestellt. Die Kirche in Overhagen wurde wegen Baufälligkeit geschlossen und unter Pastor Thiemann ein einfacher Hallenbau erstellt. Am 13.5.1961 weihte Erzbischof Dr. Lorenz Jäger die neue Kirche. Das Blasorchester Hellinghausen, das 1951 gegründet wurde, gestaltete den äußeren Rahen. 1965 wurden die ersten neuen Häuser von der Siedlungsgesellschaft "Rothe Erde" in Hellinghausen gebaut. Es entstand das Wohngebiet "Am Sötling". Im Sommer 1965 kam das große Hochwasser. Das Wasser stand 50 cm hoch in der Kirche, die gesamte "Friedensinsel" meldete Land unter. Die Heuernte schwamm davon, und mehrere Tiere kamen durch das plötzlich auflaufende Hochwasser auf den Wiesen um. Der Bau der Siedlungshäuser auf dem Sötling geriet dadurch ins Stocken, die schon ausgebauten Keller standen unter Wasser.  Der Bau dieser Siedlung veränderte das alte Dorf Hellinghausen in vieler Hinsicht. Eine neue Dorfstraße mit Bürgersteig und Fahrradweg wurde nach heutiger Einschätzung viel zu großzügig ausgebaut, sie ist zur Rennstrecke geworden. Eine Zentralwasserversorgung von Lippstadt kam hinzu. Bei Versuchsbohrungen für eine eigene Wasserversorgung stieß man auf salzhaltige Sole, vielleicht dieselbe wie in den nahe gelegenen Bädern. Die Abwässer, der nun vergrößerten Gemeinde, wurden durch die Allee mit Hilfe eines Pumpwerkes zur Kläranlage nach Herringhausen geleitet. Hellinghausen bekam eine eigene Busverbindung nach Lippstadt nachdem der alte Sandweg nach Benninghausen befestigt und ausgebaut worden war. Bis dahin befand sich die nächste Bushaltestelle am Gasthof "Fahle" in Herringhausen (Baujahr 1960).
Zwei Jahre später begann man mit dem Bau der Siedlung "Auf dem Sunde", die ganz im Gegensatz zur Siedlung am Sötling von Privatleuten nach eigenen Planungen gestaltet werden konnte. Die Gemeinde kaufte das kleine Wäldchen "die Eichen" auf und legte einen Spiel- und Bolzplatz an, der mit Unterstützung der Stadt Lippstadt großen Anklang gefunden hat.
Die große Fronleichnamsprozession, die bisher durch das Nahtfeld nach Overhagen und dann über die Chaussee nach Herringhausen zur Kapelle und dann zurück zur Pfarrkirche nach Hellinghausen ging, wurde 1968 wegen des starken Verkehrs auf der Chaussee geändert. Die Prozession beginnt jetzt einmal in Hellinghausen und zieht nach Overhagen, im nächsten Jahr zieht sie von Overhagen nach Hellinghausen, im dritten Jahr beginnt sie in Herringhausen und zieht wiederum nach Hellinghausen. Jetzt feierte man ebenfalls im Wechsel in den einzelnen Ortschaften das Pfarrfamilienfest, das von allen Vereinen des Kirchspiels gestaltet wurde (Frauengemeinschaft, Männergesangverein Overhagen, Blasorchester-Hellinghausen, Schützenvereine usw.).

Pfarrer i.R. August Sommer war der letzte Pastor, der im der alten Pastorat wohnte und für die Messen in Hellinghausen zuständig war. Danach wurde das Pastorat noch zeitweise von einer Familie bewohnt und 1972 mit der alten Schule abgerissen.  Damit ist ein Denkmal in Hellinghausen verschwunden. Die Hecken mit Laube wurden gerodet und aus Pastorsgarten wurde eine Wiese. Damit verschwanden auch die Wanderwege im Wäldchen und die Gräfte wuchst zu und versandete. 1981 wurde die Kirche unter Denkmalschutz gestellt. Nach umfangreichen Renovierungen in der Kirche einschließlich Erneuerung den Dach-, und Glockenstuhle wurde auch in der Kirche ein neuer Hochaltar aufgestellt.  In einem Festzelt auf dem Mersch feierte die Gemeinde "Kirchweih". Bei den Außenarbeiten wurde das Denkmal des hl. Clemens aus der Nische an der Ostwand genommen und auf einen Sockel neben den Eingang gestellt.  Der Kreuzweg mit den Stationsbildern (Gussplatten in Steinhäuschen) um die Kirche verschwand und die Nischen kamen zur Rasenfläche.
Der Postweg nach Lippstadt wurde ausgebaut und damit eine neue Rennstrecke geschaffen.  Der Holzpatt nach Overhagen erlangte mit der neuen Gieselerbrücke am Sportplatz wieder mehr Bedeutung als Wanderweg. In der Kirche wurde die "Müller-Orgel" von 1783 generalüberholt und in einem großen Orgelkonzert vorgestellt.

Hellinghausen -  Mensch und Naturraum

Durch den Ausbau der Lippe in Lippstadt kommt das Hochwasser immer häufiger und schneller in die Lippewiesen.  Im Winter 1993/94 gab es 4 Hochwasser. Das letzte Hochwasser war am Palmsonntag, so dass die Palmprozession um die Kirche wegen Hochwasser ausfallen musste. Das Land NRW kaufte 1994 die Lippewiesen und stellte sie im Rahmen des Lippeauenprogramms unter Naturschutz. Hierdurch wurden die Wanderwege auf dem Mersch für die Bewohner gesperrt. Nach Protesten der Bürger von Hellinghausen wurde ein neuer Fuß- und Radweg zwischen dem Neuen Kamp und Alter Mersch angelegt, der ganzjährig benutzt werden darf. In Anlehnung an den Schutzpatron der Kirchengemeinde Hellinghausen wurde dieser Wanderweg St. Clemensweg genannt. 1994 erneuerte die Schützenbruderschaft Friedhardtskirchen Herringhausen-Hellinghausen das Ehrenmal und hing Metalltafeln mit den Namen der Gefallenen der beiden Weltkriege auf.
Im Laufe der Zeit mussten die Hellinghäuser schmerzlich erfahren, dass  der Wohnwert in einer von Naturschutzgebieten umgebenen Gegend nicht immer von Vorteil sein muss. Alte Wirtschaftswege, die früher zum sonntäglichen Spaziergang einluden, wurde gesperrt, bzw. aufgerissen und auf diesen ehemaligen Wegen Biotope angelegt. Als Spazierwege wurden sie auf diese Weise unbrauchbar gemacht. Es ist sicherlich nicht leicht, Familien, die seit Generationen hier in Hellinghausen gelebt haben, zu vermitteln, dass das alte „Wegerecht“ keinerlei Bedeutung mehr genießt. So wurden Einwohner, die sich dennoch in das Schutzgebiet wagten, anfänglich nur wenig freundlich und zum Teil in Großgrundbesitzermanier auf ihr Vergehen aufmerksam gemacht. Im Jahre 2003 nahm sich sogar der WDR (Land und Leute) dieser Problematik an, als der Weg auf das Große Mersch von der ABU durch eine schwere Eisenkette versperrt wurde. Auch wenn die Vertreter der ABU in regelmäßigen Abständen zu Exkursionen einladen, so ist es dennoch für die „Urgesteine“ dieses Ortes nicht nachvollziehbar, dass sie von nun an ihre Spaziergänge in der Umgebung an bestimmte Zeitpunkte knüpfen müssen und der Wassersport auf der Lippe, die dieses Areal direkt durchfließt, dennoch weiterhin erlaubt ist. (???)

Im Jahre 2005 rollten die ersten großen Trecker, besser gesagt Schlepper mit schweren Anhängern durch unser Dorf. Das damit verbundene Getöse der schweren Fahrzeuge, der Staub und die verdreckten  Straßen, ließen die Hellinghäuser ohne Protest über sich ergehen. Zuerst erfolgte die Umgestaltung der Gieseler. Eine Flutrinne, nur wenigen Meter flussabwärts vom Sportplatz in Overhagen, leitet seit dem das Wasser der Gieseler bei höheren Wasserständen durch die Wiesen in Richtung Hellinghäuser Mersch. Dafür wurde eigens ein Durchlass unter dem Hellinghäuser Weg gebaut. Des weiteren erhielt der Wohnbereich an der Kirche (Gottesinsel) einen hohen Schutzwall, der seit dem die Kirche und die beiden Wohnhäusern vor dem Hochwasser schützen wird. Auf dem Hellinghäuser Mersch wurden tiefe Flutgräben gegraben, die, wie auch an der Gieseler, das Wasser der Lippe bei höheren Wasserständen durch das Mersch leiten und zugleich diese Fläche als Retentionsfläche nutzen sollen.
Den hydrologischen Gutachten und hydraulischen Berechnungen zur Folge, werden die Wiesen in der Aue (Retentionsflächen) nach Abschluss aller Renaturierungsarbeiten häufiger überschwemmt werden. Im Gegenzug dazu soll (wird)  jedoch die Höhe der Wasserstände abnehmen.
Im Zuge dieser Baumaßnahme konnte auch ein Lang ersehntes Biotop in der Kirchwiese vor der Kirche angelegt werden. Da die Hellinghäuser Kinder, obwohl sie von Natur umgeben sind, keine Möglichkeit haben Natur zu erleben, wurde ihnen dieses Biotop geschaffen.
Im Jahr 2006 die Renaturierung der Lippe im Gemeindegebiet von Hellinghausen weiter fortgeführt.